Besondere Schutzbedarfe von Folterüberlebenden

Forderungen und neue Publikation „Rehabilitation für Folterüberlebende in Deutschland. Fragmente einer gerechten Versorgung“ 

Die Rehabilitation von Folterüberlebenden in Deutschland steht an einem entscheidenden Punkt. Zwischen vorhandener Expertise und strukturellen Lücken entscheidet sich, ob Schutz und Versorgung verlässlich umgesetzt werden oder vom Zufall abhängen. Die zivilgesellschaftliche Fachstelle zur Identifizierung und Umsetzung besonderer Schutzbedarfe rückt mit dem Themenfeld Folterüberlebende genau diese Schnittstelle in den Fokus: die frühzeitige Erkennung, fachgerechte Dokumentation und nachhaltige Versorgung von Menschen, die schwerste Gewalt erfahren haben – im Herkunftsland, auf der Flucht oder im Ankunftskontext.

Die neue Publikation „Rehabilitation für Folterüberlebende in Deutschland. Fragmente einer gerechten Versorgung“ (Abschlusspublikation des AMIF-Projekts ExTo, www.folterfolgen.de) zeigt eindrücklich, dass gute Versorgung möglich ist, wenn Kooperation, Qualifikation und institutionelle Verlässlichkeit zusammenspielen. Gleichzeitig wird deutlich, dass bislang zentrale Voraussetzungen fehlen. Obwohl 20,4 % der Klient*innen der psychosozialen Zentren in Deutschland von Foltererfahrungen berichten – vermutlich eine deutliche Untererfassung – erfolgt die notwendige interdisziplinäre Dokumentation nach internationalen Standards wie dem Istanbul-Protokoll nur in einem Bruchteil der Fälle.

Die systematische Identifizierung besonderer Schutzbedarfe von Folterüberlebenden muss daher auf einer Förderung von verbindlichen Kooperationsstrukturen zwischen psychosozialen Zentren, Medizin, Rechtsmedizin und Beratungsstellen basieren. Dies erfordert die Verankerung von Qualifizierungsstandards sowie eine nachhaltige Finanzierung, insbesondere von Sprachmittlung und Case Management.

Die Beiträge der Publikation machen zudem deutlich, dass Versorgung immer auch politisch ist: Wo Fachkräfte dokumentieren, vernetzen und für Rechte eintreten, entsteht nicht nur individuelle Unterstützung, sondern auch ein Beitrag zur gesellschaftlichen Anerkennung von Unrecht und zur juristischen Verteidigung von Menschenrechten. Umso dringlicher ist es, die Erkenntnisse aus der Praxis in strukturelle Reformen zu überführen. Eine gerechte Versorgung von Folterüberlebenden braucht verlässliche Strukturen, gesicherte Ressourcen und eine klare gesellschaftliche Haltung.